Karl Krause, Museumswärter in der Gemäldegalerie Berlin
Schreibwettbewerb vom Tagesspiegel: Thema Museum
Dezember 2004 (?)
Karl, ein Mann um die fünfzig, grau nicht nur durch seine Uniform, auch sein fahles Gesicht hat sich seiner Bestimmung angepasst. Pflichtbewusst steht er im Raum seiner Bilder und harrt dessen was da kommt. Sein Blick ist stets ins Leere gerichtet, doch so bald sich ein Besucher nur ein paar Zentimeter zu dicht an ein Bild wagt, tritt er in Aktion. Mit tiefer, bestimmter Stimme, weist er den Besucher auf den Sicherheitsabstand hin. Energisch tritt er dem Überschreiter der unsichtbaren Linie gegenüber, schaut mit leerem Blick an ihm vorbei, nur die Stimme zeigt in ihrer Strenge auf die Autorität des Wächters. Keine Jacke darf über dem Arm getragen werden, kein Handy darf klingeln, Karl entgeht nichts. Doch sobald die Aktion vorüber ist, zieht er sich still in eine Ecke zurück und verharrt in seinem undurchdringlichen starren Gebaren, so unscheinbar, als gehöre er wie die Bilder zum Inventar. Sein Wesen scheint zweigeteilt, der Blick in eine Ferne gerichtet und andererseits so nah am Geschehen. Doch nur ich kenne sein Geheimnis, denn es ist unser gemeinsames Geheimnis, dass wir immer wieder neu erleben. Immer dann, wenn wir uns in der Welt der Bilder wiedersehen. Aus dem blassen, unscheinbaren, grauen Mann ist dann ein begüterter, flämischer Kaufmann aus dem Barockzeitalter geworden.
Mein Lieblingsbild in der Gemäldegalerie befindet sich im
Raum 8. Es handelt sich um den Winter von Lucas van Valckenborch, aus der
Bilderfolge die vier Jahreszeiten, um 1535 entstanden. Im Vordergrund des
Bildes, steht ein Fischhändler, der die Fische in große Stücke zerteilt. Die
großen Fischstücke scheinen förmlich aus dem Bild zu fallen. Und ich habe jedes
mal das Bedürfnis sie vor dem Fallen zu bewahren. Das ist dann der Moment, da
ich in das Bildgeschehen eintrete. Die schwarzgekleideten Damen, die in einer
Schlange vor dem Verkäufer auf ihren Anteil warten, fangen an zu keifen. Sie
sind über mein Verhalten entrüstet, glauben, das ich mich vordrängeln will, wo
sie doch schon viel länger hier draußen in der Kälte stehen. Sie pochen auf ihr
Vorrecht, als erste den Anteil an den Fischen erwerben zu dürfen. Gekränkt
ziehe ich mich von ihrem Redeschwall zurück. Während ich auf der Straße weiter
gehe, gerate ich fasst unter einen Schlitten. Der Kutscher versucht die Pferde
beiseite zu ziehen, die Peitsche knallt, die Pferde bäumen sich auf, ich
springe entsetzt zur Seite und lande fasst auf meinem Allerwertesten. Ja, nur
fasst, denn ein galanter Herr, eingemummelt in einem dicken Pelzmantel, fängt
mich auf. Ich drehe mich nach ihm um und bin erstaunt, denn er gehört ebenso
wenig wie ich zum Bildgeschehen. Erst jetzt bemerke ich, dass ich in einen
dicken Wollmantel mit warmer Kapuze gehüllt bin, altertümliche Lederstiefel
kleiden meine Füße und ein wärmender Muff schützt meine Hände. Der Herr stellt
sich mir als Karl Krause vor. Wir sind zwei Fremde und doch haben wir das
Gefühl dazu zugehören. Ich bin etwas irritiert. Wie bin ich hier her gekommen?
Was habe ich hier zu suchen? Merkwürdig, sehr merkwürdig. Herr Krause klärt
mich auf. Ja, was klärt er eigentlich? Ich verstehe nicht im Geringsten, was er
da so von sich gibt. Von wegen Traum, von wegen Zauber der Fantasie. Ich kann
wenig damit anfangen! Doch ich spüre die klirrende Kälte des wunderbaren
Wintertages, ich rieche und ich schmecke und ich fühle die Gegenwart des
Geschehens, auf diesem Platz, in einer flämischen Stadt des 16. Jahrhunderts.
Karl hält mich am Arm fest, damit ich auf dem glatten Pflaster nicht ausrutsche.
Wir plaudern angenehm und beschließen zusammen Schlittschuh zu laufen. Kufen,
werden an die Stiefel geschnallt und schon geht es los. Karl hat das schon des
öfteren ausprobiert und gibt mir Tipps, damit ich mich leichter vorwärts
bewege. Liebevoll nimmt er mich in den Arm und führt mich übers Eis. Wir grüßen
die anderen Läufer freundlich und drehen mit ihnen einige Runden, bis es mir
dann doch zu kalt wird. Ich bin diese klirrende Kälte einfach nicht mehr
gewohnt. Karl schaut sich nach einer Schenke um, damit wir uns dort aufwärmen
können. Ich überlasse mich ganz seiner Führung, schwebe förmlich neben ihm
durch die wundervolle alte Stadt.
Plötzlich befinde ich mich im Raum 18, der Gemäldegalerie.
Wir sind in Karls Reich angekommen. Sein Lieblingsbild ist die Kindtaufe von
Jan Steen, aus dem Jahre 1663. Es heißt : „So de Oude songen, so pypen de
Jongen“
Durchgefroren betreten wir den Raum der Schenke. Die Gäste
laden uns ein, an der Feier zur Kindtaufe teilzunehmen. Man hilft mir aus dem
dicken, warmen Mantel. Die Mutter, die neben dem Kind im Korb sitzt, nickt mir
freundlich zu., nachdem ich sie begrüßt habe. Ich schaue mir das winzige
Kindlein an und bin gerührt, weil es mich so strahlend anlächelt. Überhaupt
geht von dieser Gesellschaft so eine heitere, fröhliche Ausstrahlung aus. Die
großen Kinder vergnügen sich ungezwungen, die alten Leute sitzen fröhlich
schwatzend am langen Tisch. Es wird gegessen und getrunken. Ich will gerade
einen umgekippten Stuhl aufrichten, den die spielenden Kinder umgeworfen haben,
da winkt Karl mit einer Handbewegung ab. Er gibt mir zu verstehen, dass es
sinnlos ist, weil die tobenden Kinder ihn bald wieder umwerfen werden. So
schreite ich auf den langen Tisch zu. Karl ist ein alter Bekannter, das merke
ich gleich, denn er wird freudig von den Gästen umarmt. Ich werde den anderen
vorgestellt und man lädt mich ein, bei ihnen Platzzunehmen. Ein alter Mann
reicht mir einen Becher Wein und einen Teller warmen, duftenden Schmauses. Ich
bin hungrig und greife gierig in das leckere Essen und führe es mir zum Munde.
Lehne mich satt und zufrieden zurück. Betrachte wohlig das Treiben der
spielenden Kinder, während Karl eine Anekdote nach der anderen von sich gibt.
Charmant umgarnt er die Damen, die mit erröteten Wangen seinen Ausführungen
lauschen. Es gibt keinen Zweifel, Karl ist hier der Mittelpunkt der
Gesellschaft. Alle Blicke sind auf ihn gerichtet und er genießt es sichtlich
erregt. Er strahlt galant mit wachen lustigen Augen in die Runde seiner Zuhörer
Auch ich kann mich nicht seiner angenehmen Ausstrahlung entziehen. Es ist mir
fasst nicht mehr möglich, in ihm den unscheinbaren Museumswärter zu sehen. Ich
will es auch nicht, denn auch ich fühle mich unter diesen Leuten sehr wohl und
aufgehoben. Das Schreien des Babys lenkt mich vom Geschehen ab. Die Mutter
nimmt es aus seinem Körbchen und gibt ihm seine wohlschmeckende Milch aus ihrer
Brust. Die Welt scheint heil und geordnet zu sein. Alles hat seinen Platz, es
gibt hier keine Einsamkeit, keine Probleme, nur der Genuss und die Freude am
Miteinander stehen hier im Mittelpunkt. Doch, es ist Karl, der mich diesen
Freuden entreißt. Er fasst mich sanft am Arm:
“Meine Dame, ich muss sie darauf hinweisen, das Museum
schließt in wenigen Minuten. Bitte verlassen sie den Saal!“
Das ist absolut brutal, mich so aus der Szene zu holen. Ich
bin entsetzt, dass kann doch nicht der gleiche Karl sein, der eben noch mit mir
so wunderbar in der Gesellschaft geplaudert hat. Ich schaue ihn verständnislos
an. Der Mann, der vor mir steht, hat fasst nichts mehr mit dem lebenslustigen
Karl zu tun. Dieses graue, langweilige Etwas von Mann, es ist unmöglich. Und
doch, sehe ich nicht da ganz hinten in seinen ausdruckslosen Augen, ein kleines
lustiges Aufblitzen? Ja, er ist es, aber psst, es muss unser Geheimnis bleiben.
Ich verstehe, ich komme nächste Woche wieder und dann werden wir uns erneut in
den Bildern begegnen. Ganz bestimmt, ich bin mir da völlig sicher!
Mit dieser Gewissheit verlasse ich das Museum und freue mich
schon auf den gemeinsamen Genuss des Miteinanders in der flämischen
Gesellschaft des Barockzeitalters. Nun, es könnte auch einmal ganz woanders
stattfinden. Vielleicht sehen wir uns in der Renaissance wieder. Ich überlasse
es Karl, wohin er mich beim nächsten Mal entführen wird. Soll ich es ihm
wirklich alleine überlassen? Nein, ich habe genügend Zeit mir selbst etwas zu
überlegen, bis zur nächsten Woche in der Gemäldegalerie.
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