Donnerstag, 25. September 2014

Karl Krause, Museumswärter




Karl Krause, Museumswärter in der Gemäldegalerie Berlin

Schreibwettbewerb vom Tagesspiegel: Thema Museum
Dezember 2004 (?)

Karl, ein Mann um die fünfzig, grau nicht nur durch seine Uniform, auch sein fahles Gesicht hat sich seiner Bestimmung angepasst. Pflichtbewusst steht er im Raum seiner Bilder und harrt dessen was da kommt. Sein Blick ist stets ins Leere gerichtet, doch so bald sich ein Besucher nur ein paar Zentimeter zu dicht an ein Bild wagt, tritt er in Aktion. Mit tiefer, bestimmter Stimme, weist er den Besucher auf den Sicherheitsabstand hin. Energisch tritt er dem Überschreiter der unsichtbaren Linie gegenüber, schaut mit leerem Blick an ihm vorbei, nur die Stimme zeigt in ihrer Strenge auf die Autorität des Wächters. Keine Jacke darf über dem Arm getragen werden, kein Handy darf klingeln, Karl entgeht nichts. Doch sobald die Aktion vorüber ist, zieht er sich still in eine Ecke zurück und verharrt in seinem undurchdringlichen starren Gebaren, so unscheinbar, als gehöre er wie die Bilder zum Inventar. Sein Wesen scheint zweigeteilt, der Blick in eine Ferne gerichtet und andererseits so nah am Geschehen. Doch nur ich kenne sein Geheimnis, denn es ist unser gemeinsames Geheimnis, dass wir immer wieder neu erleben. Immer dann, wenn wir uns in der Welt der Bilder wiedersehen. Aus dem blassen, unscheinbaren, grauen Mann ist dann ein begüterter, flämischer Kaufmann aus dem Barockzeitalter geworden.

Mein Lieblingsbild in der Gemäldegalerie befindet sich im Raum 8. Es handelt sich um den Winter von Lucas van Valckenborch, aus der Bilderfolge die vier Jahreszeiten, um 1535 entstanden. Im Vordergrund des Bildes, steht ein Fischhändler, der die Fische in große Stücke zerteilt. Die großen Fischstücke scheinen förmlich aus dem Bild zu fallen. Und ich habe jedes mal das Bedürfnis sie vor dem Fallen zu bewahren. Das ist dann der Moment, da ich in das Bildgeschehen eintrete. Die schwarzgekleideten Damen, die in einer Schlange vor dem Verkäufer auf ihren Anteil warten, fangen an zu keifen. Sie sind über mein Verhalten entrüstet, glauben, das ich mich vordrängeln will, wo sie doch schon viel länger hier draußen in der Kälte stehen. Sie pochen auf ihr Vorrecht, als erste den Anteil an den Fischen erwerben zu dürfen. Gekränkt ziehe ich mich von ihrem Redeschwall zurück. Während ich auf der Straße weiter gehe, gerate ich fasst unter einen Schlitten. Der Kutscher versucht die Pferde beiseite zu ziehen, die Peitsche knallt, die Pferde bäumen sich auf, ich springe entsetzt zur Seite und lande fasst auf meinem Allerwertesten. Ja, nur fasst, denn ein galanter Herr, eingemummelt in einem dicken Pelzmantel, fängt mich auf. Ich drehe mich nach ihm um und bin erstaunt, denn er gehört ebenso wenig wie ich zum Bildgeschehen. Erst jetzt bemerke ich, dass ich in einen dicken Wollmantel mit warmer Kapuze gehüllt bin, altertümliche Lederstiefel kleiden meine Füße und ein wärmender Muff schützt meine Hände. Der Herr stellt sich mir als Karl Krause vor. Wir sind zwei Fremde und doch haben wir das Gefühl dazu zugehören. Ich bin etwas irritiert. Wie bin ich hier her gekommen? Was habe ich hier zu suchen? Merkwürdig, sehr merkwürdig. Herr Krause klärt mich auf. Ja, was klärt er eigentlich? Ich verstehe nicht im Geringsten, was er da so von sich gibt. Von wegen Traum, von wegen Zauber der Fantasie. Ich kann wenig damit anfangen! Doch ich spüre die klirrende Kälte des wunderbaren Wintertages, ich rieche und ich schmecke und ich fühle die Gegenwart des Geschehens, auf diesem Platz, in einer flämischen Stadt des 16. Jahrhunderts. Karl hält mich am Arm fest, damit ich auf dem glatten Pflaster nicht ausrutsche. Wir plaudern angenehm und beschließen zusammen Schlittschuh zu laufen. Kufen, werden an die Stiefel geschnallt und schon geht es los. Karl hat das schon des öfteren ausprobiert und gibt mir Tipps, damit ich mich leichter vorwärts bewege. Liebevoll nimmt er mich in den Arm und führt mich übers Eis. Wir grüßen die anderen Läufer freundlich und drehen mit ihnen einige Runden, bis es mir dann doch zu kalt wird. Ich bin diese klirrende Kälte einfach nicht mehr gewohnt. Karl schaut sich nach einer Schenke um, damit wir uns dort aufwärmen können. Ich überlasse mich ganz seiner Führung, schwebe förmlich neben ihm durch die wundervolle alte Stadt.


Plötzlich befinde ich mich im Raum 18, der Gemäldegalerie. Wir sind in Karls Reich angekommen. Sein Lieblingsbild ist die Kindtaufe von Jan Steen, aus dem Jahre 1663. Es heißt : „So de Oude songen, so pypen de Jongen“

Durchgefroren betreten wir den Raum der Schenke. Die Gäste laden uns ein, an der Feier zur Kindtaufe teilzunehmen. Man hilft mir aus dem dicken, warmen Mantel. Die Mutter, die neben dem Kind im Korb sitzt, nickt mir freundlich zu., nachdem ich sie begrüßt habe. Ich schaue mir das winzige Kindlein an und bin gerührt, weil es mich so strahlend anlächelt. Überhaupt geht von dieser Gesellschaft so eine heitere, fröhliche Ausstrahlung aus. Die großen Kinder vergnügen sich ungezwungen, die alten Leute sitzen fröhlich schwatzend am langen Tisch. Es wird gegessen und getrunken. Ich will gerade einen umgekippten Stuhl aufrichten, den die spielenden Kinder umgeworfen haben, da winkt Karl mit einer Handbewegung ab. Er gibt mir zu verstehen, dass es sinnlos ist, weil die tobenden Kinder ihn bald wieder umwerfen werden. So schreite ich auf den langen Tisch zu. Karl ist ein alter Bekannter, das merke ich gleich, denn er wird freudig von den Gästen umarmt. Ich werde den anderen vorgestellt und man lädt mich ein, bei ihnen Platzzunehmen. Ein alter Mann reicht mir einen Becher Wein und einen Teller warmen, duftenden Schmauses. Ich bin hungrig und greife gierig in das leckere Essen und führe es mir zum Munde. Lehne mich satt und zufrieden zurück. Betrachte wohlig das Treiben der spielenden Kinder, während Karl eine Anekdote nach der anderen von sich gibt. Charmant umgarnt er die Damen, die mit erröteten Wangen seinen Ausführungen lauschen. Es gibt keinen Zweifel, Karl ist hier der Mittelpunkt der Gesellschaft. Alle Blicke sind auf ihn gerichtet und er genießt es sichtlich erregt. Er strahlt galant mit wachen lustigen Augen in die Runde seiner Zuhörer Auch ich kann mich nicht seiner angenehmen Ausstrahlung entziehen. Es ist mir fasst nicht mehr möglich, in ihm den unscheinbaren Museumswärter zu sehen. Ich will es auch nicht, denn auch ich fühle mich unter diesen Leuten sehr wohl und aufgehoben. Das Schreien des Babys lenkt mich vom Geschehen ab. Die Mutter nimmt es aus seinem Körbchen und gibt ihm seine wohlschmeckende Milch aus ihrer Brust. Die Welt scheint heil und geordnet zu sein. Alles hat seinen Platz, es gibt hier keine Einsamkeit, keine Probleme, nur der Genuss und die Freude am Miteinander stehen hier im Mittelpunkt. Doch, es ist Karl, der mich diesen Freuden entreißt. Er fasst mich sanft am Arm:

“Meine Dame, ich muss sie darauf hinweisen, das Museum schließt in wenigen Minuten. Bitte verlassen sie den Saal!“

Das ist absolut brutal, mich so aus der Szene zu holen. Ich bin entsetzt, dass kann doch nicht der gleiche Karl sein, der eben noch mit mir so wunderbar in der Gesellschaft geplaudert hat. Ich schaue ihn verständnislos an. Der Mann, der vor mir steht, hat fasst nichts mehr mit dem lebenslustigen Karl zu tun. Dieses graue, langweilige Etwas von Mann, es ist unmöglich. Und doch, sehe ich nicht da ganz hinten in seinen ausdruckslosen Augen, ein kleines lustiges Aufblitzen? Ja, er ist es, aber psst, es muss unser Geheimnis bleiben. Ich verstehe, ich komme nächste Woche wieder und dann werden wir uns erneut in den Bildern begegnen. Ganz bestimmt, ich bin mir da völlig sicher!

Mit dieser Gewissheit verlasse ich das Museum und freue mich schon auf den gemeinsamen Genuss des Miteinanders in der flämischen Gesellschaft des Barockzeitalters. Nun, es könnte auch einmal ganz woanders stattfinden. Vielleicht sehen wir uns in der Renaissance wieder. Ich überlasse es Karl, wohin er mich beim nächsten Mal entführen wird. Soll ich es ihm wirklich alleine überlassen? Nein, ich habe genügend Zeit mir selbst etwas zu überlegen, bis zur nächsten Woche in der Gemäldegalerie.

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