Dienstag, 12. Mai 2015

Nicht unter 90 Millionen Euro




Es ist die Investition von 3,50 € wert um für eine kurze Zeit von 90 Millionen Euro zu träumen,  genau genommen wird der billige Spaß fünf Tage anhalten. Die Gewissheit über den Gewinn verfügenen zu können endet dann, wenn die Ziehung der Zahlen nicht mit meinem Tipp übereinstimmen wird. Unter 90 Millionen spiele ich nicht. Der Mann in der Lottoannahmestelle  verstand es nicht, klärte mich auf, wird der Jackpot nicht geknackt bleibt das Limit bei 90 Millionen Euro und die unteren Gewinnklassen werden aufgestockt, das bedeutet für die nächste Gewinnklasse 20 Millionen. Gut, das geht noch gerade so "Eine Million sind doch auch ein schöner Gewinn." Sagte der Mann. Nein, das lohnt nicht, es gehört zu meinen Prinzipien nicht unter 60 Millionen Euro zu spielen. Bei den heutigen Preisen träumt es sich schlecht von nur einer Millionen, aber 90 Millionen sind eine Herausforderung. Wie verteilt man das Geld, vielleicht eine Stiftung ins Leben rufen? Ach, der Stress beim Träumen, diese unnützen Gedanken über das Wie sind eine herrliche Abwechslung zum tristen Alltag. Mit wenig Geld auskommen kann jeder, aber zuviel Geld ausgeben, das ist eine Kunst.

Sonntag, 10. Mai 2015

Kurzgeschichte zum Muttertag


"Wie wäre es mit einem Neuanfang", sagte meine Tochter und legte ihr altes Ipad auf den Tisch. "Heute gehört es zum Leben dazu, sich den technischen und gesellschaftlichen Herausforderungen anzupassen." "Aha", sagte ich und im nächsten Augenblick aktivierte sie das Tablet und richtete auf meinem Namen eine Facebook Seite ein. "Gemeinsam allein zu sein verbindet die Menschen im 21. Jahrhundert". Das war ein Argument dem ich nicht wiedersprechen konnte. "Heutzutage", sagte sie, "macht man ein Selfie, das ist ein guter Einstieg für dein Profilbild." Nach einer kurzen Einführung: "Die Bedienung ist super einfach, Mama", verabschiedete sich Greta und voller Tatendrang entstand das erste Selfie. Das Ergebnis war niederschmetternd, hatte keinerlei Ähnlichkeit, eine fremde Frau mit einem Blick, der verstört eine Richtung suchte und nicht fand. Wenn Frustration in Hilflosigkeit mündet, gibt mir ein Ort Sicherheit, das ist die Küche. Am Küchentisch sitzend, Karls Wärme spürend, sein Brummen hörend, war das Denken weniger verkrampft. Wie sollte mein Profilbild aussehen, welche Themen posten, die einer Öffentlichkeit von Wert sein könnten. Eine Idee huschte an meinem geistigen Auge vorbei und mein Blick fiel auf Karl. Warum nicht über meine Beziehung zu Karl schreiben, posten. Also machte ich ein Selfie mit Karl und siehe da, mein Blick hatte eine Richtung und ein kleines Lächeln hob die Mundfalten in die Höhe. Während des Hochladen, das Ipad brauchte eine Weile, geschah es. Ein Geruch nach verschmortem Gummi lenkte meinen Blick wieder auf Karl. Sollte sein Ende gekommen sein? Eine Vorahnung, die ich zu gerne immer wieder verdrängte. Das vier Sterne Tiefkühlfach produzierte schon seit einigen Jahren viel Eis. Eine dicke Schicht ummantelte das Fach, dessen Tür sich nicht mehr schließen ließ. Als Karl vor einigen Tagen anfing zu weinen und Tropfen für Tropfen sein Inneres füllte, interpretierte ich dies als seinen Beitrag um an das Schmelzen der Pole zu ermahnen. Nun lief ein Rinnsal vom Kühlschrank in meine Richtung. Stumm, das Ipad im Anschlag, fotografierte ich Karls Innenleben, schloss die Tür und nahm sein Äußeres auf, dann harrte ich dessen was kommen wollte. Der Geruch wurde intensiver, eine Schmauchspur entwich aus Karls Herz und mit einem Knall sprang die Sicherung im Flur heraus. Selbst im Todeskampf dachte Karl noch an mein Wohlbefinden und unterließ es einen Schwelbrand zu verursachen.
Dort wo Karl stand, steht jetzt der Neue. Tripple A prangt an seiner Tür, die so kalt und unpersönlich in einem leicht grauem Weiß meine Augen blendet. Die Hand traute sich kaum die Tür zu öffnen. Nach einer Weile des Zögerns und Wartens auf ein Zeichen, das aber nicht eintraf, was nicht verwunderte, denn auf der Tür, unterhalb des Tripple A, informiert ein 32 Dezibel über den zu erwartenden Geräuschpegel. Mein Gefühl will nicht warm werden mit dem Neuen, ich wende einen Trick an und suche nach einen Namen, der eine Vertrautheit verspricht, aber nur "Karotron" bleibt im Gedächtnis haften. Der Name bringt keine Annäherung, denn er lässt ihn kalt. Ein energieeffizienter, leiser Kühlschrank hat es nicht nötig mit seinem Benutzer zu kommunizieren, vielleicht versteht er nur Chinesisch. Egal weshalb er nicht spricht, ich habe sein Schweigen zu akzeptieren, schließlich gehört er nicht zur Klasse der Hightech - Geräte, die via Internet den Verbrauch der Lebensmittel ans Handy senden. Trotzdem, ein Kühlschrank hat andere Möglichkeiten um mit seinem Benutzer zu 
kommunizieren. Karl war darin ein Meister seiner Klasse. Die Männer, die Karotron in meine Küche 
trugen, nahmen Karl wie verabredet mit. "Wo bringen sie ihn hin?" "Wird entsorgt." Der kleinere 
Mann von der Firma, die den Neuen an Karls Stelle schoben, ergänzte die knappe Antwort seines 
Kollegen "Junge Frau, machen sie sich mal keine Sorgen, der wird hier nicht die Umwelt verseuchen. 
Solche Geräte werden in großen Containern nach Afrika verschifft." Ich schaute den kleinen Mann 
intensiv an, sein Gesicht hatte große Ähnlichkeit mit einem Beagle. "Alter Mann wollen sie mich 
verarschen. Ich bin mindestens zehn Jahre älter als sie." Sein Gesichtsausdruck wechselte hin zu einer 
Bulldocke, rot anlaufend: "Tschuldigung, müssen ja nicht gleich so ausfallend werden, wollte doch 
nur nett sein." Mein nächster Gedanke spielte mit der Möglichkeit Karl nicht seinem Schicksal zu 
überlassen, darauf protestierte der Verstand und verwarf aus Platzgründen dieses Ansinnen. So sah 
ich tatenlos zu wie die Männer Karl aus der Wohnung trugen, ein Spur hinter sich lassend, denn Karl
blutete aus während er brutal auf den Lastwagen gehievt wurde, Endstation Afrika. Die größte Müllhalde für Elektroschrott liegt in Westafrika, in der Hauptstadt von Ghana. "Toxic City" wird der Stadtteil genannt, einer der giftigsten Orte der Welt. Brennende Elektrogeräte, Kühlschränke, Fernseher, Computer, vielleicht auch Ipads?. All die Menschen die dort arbeiten, die über kurz oder lang dem Tod geweiht sind, werden auf Karl einschlagen, zerhacken ihn in seine Einzelteile, verbrennen seine Reste. Oh Gott, Karl, es tut mir so leid, eine saubere Entsorgung wird dir nicht vergönnt sein. Erinnerst du dich an unsere erste Begegnung, an den Beginn unserer wunderbaren 
Freundschaft, die im Elektroladen um die Ecke begann. Dort sah ich dich, dein Name lag mir sofort 
auf der Zunge. "Gute deutsche Wertarbeit", sagte der Geschäftsinhaber. Herr Schmidt und sein Sohn 
trugen dich in die Küche und bei einem gemütlichen Plausch am Küchentisch besiegelten wir das Geschäft mit einem Schnäpschen. Schmidt & Sohn existieren schon lange nicht mehr, nach einer Videothek bevölkern heute kleine Kids den zum Kindergarten umgebauten Laden.
Es kostet viel Überwindung Karotrons Tür zu öffnen. Die Ausstattung prahlt im grellen Scheinwerferlicht mit einer strahlenden Leere, die jegliche Art der Lagerung von Lebensmittel verbietet. Auf dem Küchentisch stehen all die leckeren Sachen die nach Kühlung schreien. Ich kann nicht, unmöglich, wie fordernd sie mich auch anschauen, ich verwehre ihnen den Zugang zum Neuen, dem Karotron., das bin ich Karl schuldig.
Das Leben verlangt nach Veränderungen, neue Kühlschränke läuten eine FCKW freie Zeit ein. Der Verstand darf sich nicht dagegen stemmen muss loslassen können, muss die gute alte Zeit endlich der Vergangenheit überlassen. Ach, wie vermisse ich Karls wohliges Brummen, wenn er randvoll gefüllt war. Leerte sich der Inhalt dann klingelte er sanft. Begannen die Lebensmittel zu altern, dann versuchte er durch ein lautes Poltern, ähnlich einem Hopser, die Kühlung zu steuern. Karl liebte die Lebensmittel so sehr, dass er sie für immer halten wollte. Das Licht der Lampe erlosch eines Tages, selbst eine neue Glühlampe konnte die dämmerige Helligkeit nicht zurückbringen. Karl alterte mit 
den Dingen, die in der Dunkelheit seiner Etagen lagen. Und dann, sein unverwechselbarer Geruch, der entfernt an Mottenpulver erinnerte. Nun wird er in Toxic City drangsaliert, zerstückelt, verbrannt. Schluss mit dem Trübsal, das Zauberwort heißt Neuanfang. Ein Wort, das im Trend liegt, überall spricht man vom Neuanfang, selbst in der Politik ist es ein sehr beliebtes Wort, der Neuanfang.
Wo kaufe ich einen neuen Kühlschrank ? "Heute ist der Neukauf eines Gerätes kein Problem mehr", sagte meine Tochter, "das Internet macht es möglich, einfach bequem von zuhause bestellen und alles geht seinen Gang". Dem wollte ich nicht widersprechen, aber die Bestellung kostete Überwindung, denn die Vorstellungskraft haderte mit zweidimensional Abbildungen, die keine persönliche Beziehung zum Gerät aufkommen lassen. Das gute Gefühl, den richtigen zu finden, stellte sich nicht ein, verstehe auch die unzähligen Partnerbörsen nicht, die im Netz um Kundschaft buhlen, zweidimensionale Männer signalisieren nur eine eindimensionale Identität.
Karl war gestern, heute will der stumme Karotron mit all den herrlich, leckeren Dingen gefüllt werden. Karotrons Verfallsdatum wird eher kommen als mir lieb sein wird, das ist sicher, gilt für alle technischen Geräte, aber das Internet wird, mindestens bis zu meinem Ende, nicht so schnell das Zeitliche segnen.