Dienstag, 15. November 2016

Bestandsaufnahme


Was bleibt vom Sonntag? Die Gewissheit, dass der nächste Sonntag nicht mehr weit ist. So vergehen die Tage, die Wochen, Monate, Jahr für Jahr. Die Aufregung namens Leben findet außerhalb der eigenen vier Wände statt. Das Fenster zur Welt ist der Flachbildschirm oder das World Wide Web. Manchmal schweift der Blick hinaus durchs Fenster, dort deutet nichts auf Veränderung hin, alles wie gehabt. Wenn auch die Eintönigkeit eines Tages von Mal zu Mal variiert, bleibt die Tatsache bestehen, dass die Nachrichtenflut keinerlei Einfluss auf das körperliche Verhalten hat. Lediglich die Aufregung genießt einen Schock nach dem anderen, der aus der Nachrichtenflut heraus auf die Couch strömt. "The never ending story about the refugees." Die Erkenntnis, dass es keine befriedigende Lösung auf der Basis einer Wertegemeimschaft geben wird, denn der große Ansturm der Schutzsuchenden, sei es auch aus wirtschaftlichen Gründen, spaltet die europäische Gesellschaft, die sich zuallererst national versteht. Was tun, der Widerspruch einerseits mitmenschlich zu agieren und anderseits die eigenen Interessen vor Überfremdung zu schützen tendiert mehr und mehr zur Abschottung und Ausgrenzung der Flüchtlinge. Viele Staaten fühlen sich überfordert, wollen sich nicht mit der Problematik, die durch muslimische Zuwanderer einhergehen könnte, auseinandersetzen. Die Wanderung in der globalen Weltgemeinschaft lässt sich nicht stoppen, es sei denn durch eine unüberwindbare Mauer des Todes. Ein illusorischer Gedanke, der so nicht durchsetzbar sein wird. Was dann? Deals mit Diktaturen eingehen, die eindeutig die Menschenrechte missachten, um der vermeintlichen Flüchtlingsflut einzudämmen? Die EU sollte endlich ehrlich mit Zuwanderung umgehen. Es ist allemal besser genau festzulegen wie viel Zuwachs verträglich ist, der von den Bürgern auch mitgetragen werden kann. Eine harte, unmenschliche Entscheidung, vor der sich manche Nation scheut. Aber ist die Abschiebung in eine ungewisse Zukunft in der Türkei humaner oder reine Selbsttäuschung nach dem Motto "Aus dem Augen, aus dem Sinn" oder "Nach uns die Sintflut".
Die Gleichgültigkeit verlangt keine Entscheidungen die das Sein verändern. Es gibt nur eine Verantwortung für den Augenblick der Langeweile. Positiv betrachtet sind es minimale Probleme einer gelangweilten Bloggerin mit kleiner Leserschaft. Gut, das Netz ist voller sprachlicher Müll Kommentare, da gehen meine Texte, während der Überschwemmungsflut, sang und klanglos unter. Positiv betrachtet, besser verbaler Müll, als Plastik Müll in den Meeren. Beides könnte bewältigt werden, Betonung liegt auf "könnte", ein Wort ohne Folgen genauso wie "wäre". Das Meer wird überfischt, ähnlich wie im Netz nach unseren Daten "gefischt", ausgespäht wird. Wie immer, wenn mir diese allseits bekannten Fakten ins Bewusstsein drängen, stellt sich die allzeit bekannte Frage: Was fange ich damit an? Die allzeit bekannte Antwort: NICHTS. Eine ganz alltägliche Feststellung, die den Faktenfressern Raum gibt, die sich jeglicher Form von Realität verweigern und den Unwahrheiten den Anschein des Absoluten geben. Nichts gegen Fantasien, positiv betrachtet können sie uns helfen das Reale begreiflich zu machen, vorausgesetzt man ist dafür empfänglich. Wir leben in Zeiten der Faktenverdränger, auch ein Donald Trump bedient sich ungeniert der Fakten Lüge. Viele, viele Politiker weltweit haben entdeckt, dass es sich wohlig lebt mit der subjektiven Wahrheit. Die Normalität in der Banalität des Bösen gehört zu einer urmenschlichen Regung des Machtanspruchs derer, die glauben zu Höheren berufen zu sein. Wieder und wieder bekunden wir Betroffenheit und wieder und wieder findet der Populismus mehr Gehör. Es wird hoffähig sich von der Demokratie abzuwenden um sich irgendwelchen Despoten unter zu ordnen in der falschen Hoffnung auf ein friedliches Leben. So stehen wir permanent am Abgrund, manchmal weichen wir zurück, aber eigentlich lieben wir es in den Abgrund zu schauen, zu erschauern, auf die herbei gerufenen Despoten zu warten, die uns mit Inbrunst hinab stoßen, denn zu etwas anderen sind sie nicht fähig. Demokratie zu leben bedeutet permanente Auseinandersetzungen auszuhalten und vor allem Mitzugestalten und den Zweifel an der eigenen Hilflosigkeit in eine Form der kreativen Verantwortung umzuwandeln. So wahr und doch so schwierig, denn die Komplexität des globalen Miteinanders überfordert nicht nur die politische Kasten sondern auch den Bürger, das sogenannte Volk, auf das man sich heute wieder gerne beruft.
Die Couch, mein sicherer Hafen, hindert mich nicht daran meinen Gedanken freien Lauf zu lassen. 

Was hat sich denn seit den Anfängen der Menschheitsgeschichte verändert außer der technologischen Entwicklung. Eigentlich nicht viel, da stellt sich die Frage warum Hochkulturen immer wieder untergegangen sind? Vielleicht ist es unsere Unfähigkeit aus unseren Fehlern zu lernen und die Grenzen der menschlichen Möglichkeiten zu erkennen um dann damit adäquat umzugehen. Dass ist so wahr, wie es auf der Couch in der warmen Wohnung so bequem, so gemütlich ist. Vor meiner Haustür passiert nichts aufregendes, eine Realität die so ganz anders ist als die Nachrichtenflut der Medien. Meine Nachbarn sind so vielfältig bunt, so normal, ob Türken, Palästinenser, Araber, Russen oder deutsche Rentner. Wir grüßen einander freundlich, auch die Frauen mit Kopftuch.

Realistisch betrachtet geht es mir sehr gut. Dringt dieser Zustand zu tief in mein Bewusstsein, verwandle ich mich von der passiven Konsumentin auf der Couch zu einer aktiven Schnäppchenjägerin, die durch die Kaufhäuser tigert. Warum tigert, ach ja, die Schuhe in Raubtieroptik. Schuhe über Schuhe pflastern meinen Weg, es gibt kein Halten, die Kreditkarte hat das Bargeld abgelöst und somit die Kontrolle über die Finanzen, aber nicht bei mir. Das Shoppen im Internet hat nicht den Reiz einer enorm preiswerten Schnäppchenjagd. Mein ganzer Stolz ist ein schwarzer Pulli mit einem wundervoll gestickten Kopf eines lieben Bully. Wie lange hat daran ein Mensch gearbeitet und nun hat der Pulli ganze 3€ gekostet. Ich trage ihn mit Würde in Gedanken an den armen Menschen, der für einen Hungerlohn daran gearbeitet hat. Ich mag den Pulli gar nicht mehr ausziehen, denn er unterstreicht mein Wohlbefinden, von dem ich nicht weiß woher es stammt, es ist einfach da und will nicht verschwinden, lediglich ein leichtes Unbehagen der Entscheidung quält mich. Welches Paar Schuhe wird es sein. Als Schnäppchenjägerin suche ich möglichst viele Dinge für wenig Geld, deshalb muss ich mich für ein Paar Schuhe entscheiden, ein Konflikt, der den Zustand der Zufriedenheit ernsthaft bedroht. Mein Blick wandert von den sehr günstigen Pumps zu den Stiefelletten, dann zu einem Paar bequemen Sneakers hin. Verzweiflung bahnt sich ihren Weg durch die Irrungen Wirrungen des Gehirns. Ein wenig gedankliche Ablenkung tut in solchen Situationen gut. Was Tun in einer Welt der Krisen? Syrien, der Nahe Osten, der am Boden liegt und den Westen allzu gerne mitreißen möchte. Lösungen sind nicht unmöglich, allein der Wille fehlt, denn ein jeder Glaubt an die Macht der Vorherrschaft. Warum wird Syrien nicht in Zonen aufgeteilt und unter Aufsicht der Alliierten gestellt. Russland und ihr geliebter Assad, USA und die gemäßigten Rebellen, Deutschland und die Kurden, mehr fällt mir nicht ein. Jede Gruppe verwaltet ein Gebiet, die Flüchtenden können sich die Zone aussuchen und alle gemeinsam bekämpfen den IS im Inneren wie im Äußeren. Nach den vielen Jahren des Übergangs kann sich der Staat neu erfinden. Die Kurden behalten ihre Autonomie und die Türkei lebt wieder in Frieden, die Touristen kehren zurück und mehren den Wohlstand. Friede, Freude, Eierkuchen, mir geht es gleich besser, die Entscheidung ist getroffen, die supergünstigen Pumps, Made in Turkey, legt die Verkäuferin in meinem Stoffbeutel.

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