Posthum ein
Abschiedsbrief
Dorothea,
Franziska Dohrn, geb. Albrecht
Geboren am
28.11.1928 – gestorben am 11.07.2019
Urnenbeisetzung am 27.August 2019, um 14:30 auf dem
Südfriedhof
Liebe Thea,
nun bist du von uns gegangen ohne, dass ich mich von dir
verabschieden konnte, denn ich kam einen Tag später in Kiel an. Es war mir
nicht vergönnt deine Hand zu halten um dir den Übergang leichter zu machen, so
wie du es damals bei Oma Ännchen getan hast, die friedlich in deinen Armen
einschlief. Es ist wie es ist und so habe ich beschlossen, mich mit diesem
öffentlichen Brief von dir zu verabschieden, auf das er Ewig im Internet
geistern wird, schließlich leben wir im digitalen Zeitalter. Gut, du hattest
dich immer stoisch geweigert dieses “neue“ Medium zu nutzen, aber ich gehe mit
der Zeit und vielleicht, eines Tages, wird deine Urenkelin auf diesen Brief im
Netz, mehr oder wenig zufällig, stoßen und etwas über ihre Urgroßmutter
erfahren.
Neunzig Jahre alt zu werden ist heutzutage nicht selten, trotzdem,
keiner aus deiner Familie hat dieses Alter erreicht. Einerseits macht es mich
traurig, dass mit dir eine Ära zu Ende gegangen ist, andererseits überwiegt die Erleichterung,
denn das letzte Jahr war für dich mehr eine Qual als ein würdevolles Leben.
An deinen 90.
Geburtstag werde ich mich gerne erinnern, denn du sahst sehr glücklich aus. Das
Pflegeheim hatte uns einen Raum mit Klavier und hübsch gedeckten Kaffeetisch zur
Verfügung gestellt. Die Torte spendierte Maka, Thomas spielte am Klavier Weihnachtslieder
und die Familie sang dazu. Ehrlich, ich kann mich nicht daran erinnern, dass
wir alle jemals einen so harmonischen Tag miteinander verbracht haben. Doch
halt! Deinen 80. Geburtstag feierten wir in Berlin, damals warst du noch
mobil und hattest sehr gut Laune. Deine
Reisebekanntschaft im Zug war der spätere Ministerpräsident von
Schleswig-Holstein Torsten Albig. Ihr habt euch angeregt unterhalten und stolz erzähltest du mir von seinen
Ambitionen in der Politik. Zum Weihnachtsfest bekamst du sogar eine nette Karte
von Herrn Albig.
Ja, so warst du,
liebe Thea, mit deiner Ausstrahlung, deinem Charme konntest du Menschen
verzaubern. Selbst im hohen Alter war es dir möglich, wenn du es wolltest, die
Pflegekräfte mit deiner Ausstrahlung zu verzaubern, ein anderes Wort fällt mir
für diesen Wesenszug nicht ein, denn wenn ich dich besucht habe, lächelten die
Pflegekräfte und schwärmten von deinem warmen Wesen. Deine Launenhaftigkeit traf nur die Familie, genaugenommen
Heinz, denn wir Kinder haben euch nur selten besucht. Die Streitlust steigerte
sich in den letzten Jahren vor Heinz Tod, der dir in seiner Streitlust im
Nichts nachstand. Man sagt ja auch, dass diese Aggressivität Vorboten einer
altersbedingten Krankheit sind, obwohl, mit dem Ableben von Heinz, war das
Streiten aus deinem Gedächtnis verschwunden. Diese innerliche Zufriedenheit verwunderte
uns sehr und wir kamen zu dem Schluss, dass es wohl eine sogenannte Hassliebe
war, die ohne den Streit nicht auskam, denn schließlich überdauerte eure Ehe 60
Jahre. Eure Diamanten Hochzeit war es sogar der Kieler Nachrichten wert einen
Artikel über euch zuschreiben.
Dein Rückzug aus dem Leben außerhalb deiner Wohnung begann
schon einige Jahre vor Heinz Tod. Am Anfang gingst du noch bereitwillig mit in
die Stadt, um ein wenig Kieler Woche zu schnuppern, wenn ich dich aus dem
fernen Berlin besuchte. Mein Kleidungsstil gefiel nicht immer, denn du legtest
viel Wert auf dein Äußeres. Manchmal dachte ich die Thea sieht viel flotter, jugendlicher
aus als ich.
Wo wir auch waren, trafen wir Bekannte, die dich freudig
begrüßten und einen kleinen Plausch abhielten.
Einige Jahre später, die Beine oder auch du selbst, wollten
nicht mehr so recht das Zimmer verlassen.
Ein Rollstuhl sollte dir das Leben
außerhalb der Wohnung erleichtern, aber du verweigertest dich. Wie schlimm es
mit deinem Bewegungsapparat war konnten wir nicht so richtig einschätzen. Spieltest
du uns nur eine Schwerfälligkeit vor, wenn du dich stöhnend, ächzend vom geliebten
Zimmer ins Wohnzimmer begabst, an den Möbeln entlang, zum Tisch hangeltest,
sehr langsam auf den Stuhl plumpsen ließ, um mit uns deinen Geburtstag zu
feiern. Kaum die Tasse Kaffee ausgetrunken und den Kuchen herunter geschlungen,
machtest du dich mühsam auf den Rückweg, ohne sich mit uns zu unterhalten. Oft
genug beobachtete ich dich, wenn du meintest allein zu sein, wie du mühelos in
die Küche oder auf die Toilette gingst, aber irgendwann ging auch das nicht
mehr. Die Muskulatur alter Menschen lässt sehr schnell nach, wenn sie nicht
täglich trainiert wird. Wir kamen nicht darum herum eine intensive Pflege zu
beantragen. Gerne hättest du es gehabt, wenn eines deiner Kinder dies übernommen
hätte, aber dies war nicht möglich. Ein Pflegeheim kam nicht infrage, mit einer
ungeahnten Kraft stemmtest du dich noch einige Jahre, dagegen. Deine Welt war
das kleine, vollgestopfte Zimmer, tapeziert mit unendlich vielen Familien Fotos
und vielen, vielen Büchern. „Oma braucht Action“ war dein Spruch, denn es kamen
nur Krimis infrage. Das Leben außerhalb verlor mehr und mehr an Bedeutung, aber
du liebtest den Besuch von deinen Nachbarn und die Unterhaltung mit den
Pflegekräften. Schwerhörig, war mit dir eigentlich eine Unterhaltung schlecht
möglich, allerdings galt das nur für deine Kinder. Während ich im Wohnzimmer
saß, deinen angeregten Unterhaltungen
lauschte, rätselte ich wie das ohne Hörgeräte möglich war. Ja so warst du, dein
Charme und deine große Ausstrahlung blieb auch
im hohen Alter präsent.
So wie die Kraft zum Streiten schwand verließ dich mehr und mehr
die Konzentration Bücher zu lesen. Wenn deine letzten Lebensjahre auch in der
Stille der Einsamkeit lagen, machtest du nicht den Eindruck darunter zu leiden.
Vielleicht gab die Phantasie genug Erinnerung an in die turbulenten Zeiten des
Lebens. Ich denke da an deine Großmutter Elisabeth, oft genug lebte ich bei
ihr, schlief auf dem harten Sofa, spielte mit dem Schuhkarton voller Schätze
der Phantasie. Uroma saß tagsüber am Fenster und schaute auf die Straße. Fragte
ich sie danach was es denn zu sehen gab, beschrieb sie mir die tollsten,
brasilianischen Karnevals-Umzüge. Ich wollte sie unbedingt sehen, wollte auf
ihren Schoss kriechen um hinauszuschauen, aber sie weigerte sich:
„Du musst es
dir vorstellen.“
Diese Wut einer Fünfjährigen nicht sehen zu dürfen, aber vorstellen müssen, grub sich
tief, bis heute, in mein Gedächtnis ein. „Verdammt Oma, warum durfte ich nicht
auch all die schönen Kostüme sehen, warum musste ich sie mir vorstellen.“ Diese
einschneidende Erfahrung trug dazu bei, dass sobald jemand etwas erzählt, der
innere Film dazu abläuft. Ich stelle es mir vor.
Vielleicht war die Erinnerung an die turbulenten Zeiten in
Laboe, unser Leben in der Strandhalle, so präsent, dass die Realität des
Augenblicks, im hier und heute, keine Bedeutung mehr hatten. Meine Erinnerungen
an die frühen 1960er sind allgegenwärtig. Eine aufregende Kindheit, kein
gewöhnliches Familienleben mit Mutter, Vater, Kind, sondern ein aufwachsen in
einem großen Verbund vieler unterschiedlicher Menschen, die mit uns im Haus
lebten und arbeiteten. All die Künstler, die im Sommer auftraten. Roberto
Blanko sang La Granada, Billi Mo trug seinen Tiroler Hut und die Stars der fünfziger
Jahre trällerten " Rote Lippen, roter Wein", und und und. Liebe Thea, ich bin
mir sicher, dass du noch alle Namen im Kopf hättest. Im Sommer kamen die ersten
dänischen Segler nur wegen dir in die Strandhalle, sie kamen zu ihrer Franziska,
wie du oft und gerne erzähltest.
Dein Leben war das einer Geschichtenerzählenden
Schauspielerin, die die Aufmerksamkeit des Publikums, wie die Luft zum Atmen
einzog. Deine Phantasie war viel wichtiger als der Wahrheitsgehalt deiner
Geschichten. Sicherlich wärest du die Königin der Klatschpresse geworden, deine
Artikel hätten ganz bestimmt Kultstatus erlangt, wenn du für diese Käseblätter
Artikel geschrieben hättest. Als Kind war es uns immer sehr peinlich, wenn du,
Mutti, neueste Geschichten über uns fabuliertest, das Publikum war angetan und
wir schlichen uns heimlich aus dem Raum, in Gedanken an Muttis Ermahnung: „Lügen
haben kurze Beine!“ Dies galt wohl nur für uns Kinder, denn auch auf die Frage nach
deinem Alter bliebst du über 10 Jahre lang 29 .Es verwunderte mich stets aus Neue, dass niemand deinen Äußerungen zu widersprechen versuchte, jedenfalls kann ich mich daran erinnern.
Du liebtest es, dein Äußeres einem stetigen Wandel zu
unterziehen. Die Haarfarbe wechselte von blond zu rot, zu braun. Mal kurz, mal
dauergewellt, mal elegant zum Dutt gebunden. Der Tonfall deiner Sprache änderte
sich je nachdem, wer Eindruck auf dich machte. War deine bayrische Freundin
Anne von Maydell da, sprachst du noch Tagelang mit bayrischem Akzent. Hattest
du viel Kontakt zu konservativ, bürgerlichen Damen der Gesellschaft, wirkte
dein Verhalten, so wie deine Kleidung und Frisur plötzlich sehr bieder.
Nun ist es still um dich geworden, nie wieder wirst du mich augenzwinkernd
ermahnen, wenn ich während der Kieler Woche am Abend ausgehen wollte:
„Lass dich nicht ansprechen.“
„Aber Mutti, ich bin doch nun auch schon über 60 Jahre alt.“
Was bleibt von einem Leben, wenn es ausgelöscht ist? Unsere
Erinnerung an die ältere Generation, die unwiederbringlich vorbei ist, aber in
der nächsten Generation weiterlebt, auch dann, wenn es nicht erwünscht ist.
Tschüss Thea, ich hab dich lieb und umarme dich fest in
meinen Gedanken.





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