Die Sonne geht im November früher unter, eine unumstößliche Tatsache. Samstag dem 8. 11. beginnt die Dämmerung gegen 16:30, der Film über William Turner um 17:15. Habe mir die Zeit vertrieben und bin mit einer Tageskarte und Moby Dick durch die Stadt gefahren, um mich schließlich kurz vor 17:00 vor dem Kino in die Schlange der Besucher einzureihen. Nach dem Kauf der Eintrittskarte gehört der obligatorische Besuch der Damentoilette zur Pflicht. Wie überall drängte eine lange Warteschlange auf einlaß. Aus den Gesprächen um mich herum, entnahm ich, dass sie alle gerade den Film gesehen hatten. Zwei Damen vor mir liebäugelten mit der leeren Herrentoilette. Wir kamen ins Gespräch, denn auch ich war dem Ort nicht abgeneigt. Wir beobachteten die heraus eilenden Herren und warteten darauf bis die Toilette endlich frei wurde. Derweil fragte ich nach dem Film. Die ältere Dame verzog verächtlich die Mundwinkel und sprach von William Turner als Ekel, während die etwas jüngere Dame wohl, nach Aussage, mehr in der Kunst bewandert ist als die Nörglerin, und somit dem Turner gegenüber gnädiger gestimmt das Urteil Ekel in einen exzentrischern Künstler umwandelte. Aha, dachte ich und schielte auf die Herrentoilette, es kam keiner mehr raus, freie Bahn für die weiblichen Besucher. Die jüngere kunstbewanderte Dame stürmte als erste los, schaute kurz zustimmend von der Tür zu uns herüber und schon war ich drinnen, alles herrlich leer. Die ältere Dame sorgte vor der Tür für ein Männerfreies Clo. Kein Mann ließ sich blickend, die Gedanken kreisten um das was kommen würde, der Film. William Turner ein Ekel? Vor meinem geistigen Auge erschienen seine wunderbaren Bilder fern jedem Ekel, Verkrampftheit oder irgendeiner geistigen Enge. Seine Bilder haben einen zarten Blick auf Landschaft Meer und Schiffe, selbst da wo sie in kräftigen Farben zu explodieren scheinen, schimmert eine Liebe, Freundlichkeit durch. Wie kann ein solcher Künstler ein Ekel sein, mit diesem unverwechselbaren Blick auf die Welt? Die Filmkamera nahm wunderbar Turners sichtweise auf. Ersetzte seine Augen, seinen Blick auf Motive und Landschafte. Die Filmszenen strotzten vor Detailsverliebtheit, ein großes Vergnügen für uns Zuschauer. Dem gegenüber ein brummiger, introvertierter Klotz von Mann, jegliche Zartheit absprechend. Ein widersprüchlicher Mensch, mal grob, dann wieder bewandert in der Konversation mit der Obrigkeit. Mehr und mehr wurde Turner für mich zur Nebensache, denn die Kamera beschrieb, ließ den Betrachter den Werdegang der Bilder nachvollziehen, zog mich in den Bann dieser einzigartigen Malerei. Der Maler selbst, obwohl die Hauptfigur, ich nahm ihn nicht mehr wahr. Das ist keine Kritik am Schauspieler und Regisseur, es ist Turner selbst, der hinter seine Werke zurücksteckt, unsichtbar wird. Sein Innerstes spricht durch seine Werke, nicht die Person als solche.
Berauscht von der Pracht der Bilder verließ ich das Kino, stieg in den Bus 100 und fuhr zum Brandenburger Tor. Den Fotoapparat gezückt, von Turners Licht verzückt, suchte ich nach Motiven des Lichts im Rausch der Farbe.
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