"Wie
wäre es mit einem Neuanfang", sagte meine Tochter und legte ihr altes Ipad
auf den Tisch. "Heute gehört es zum Leben dazu, sich den technischen und
gesellschaftlichen Herausforderungen anzupassen." "Aha", sagte
ich und im nächsten Augenblick aktivierte sie das Tablet und richtete auf
meinem Namen eine Facebook Seite ein. "Gemeinsam allein zu sein
verbindet die Menschen im 21. Jahrhundert". Das war ein Argument dem ich
nicht wiedersprechen konnte. "Heutzutage", sagte sie, "macht man
ein Selfie, das ist ein guter Einstieg für dein Profilbild." Nach einer
kurzen Einführung: "Die Bedienung ist super einfach, Mama",
verabschiedete sich Greta und voller Tatendrang entstand das erste Selfie. Das
Ergebnis war niederschmetternd, hatte keinerlei Ähnlichkeit, eine fremde Frau
mit einem Blick, der verstört eine Richtung suchte und nicht fand. Wenn Frustration
in Hilflosigkeit mündet, gibt mir ein Ort Sicherheit, das ist die Küche. Am
Küchentisch sitzend, Karls Wärme spürend, sein Brummen hörend, war das Denken
weniger verkrampft. Wie sollte mein Profilbild aussehen, welche Themen posten, die
einer Öffentlichkeit von Wert sein könnten. Eine Idee huschte an meinem
geistigen Auge vorbei und mein Blick fiel auf Karl. Warum nicht über meine
Beziehung zu Karl schreiben, posten. Also machte ich ein Selfie mit Karl
und siehe da, mein Blick hatte eine Richtung und ein kleines Lächeln hob die
Mundfalten in die Höhe. Während des Hochladen, das Ipad brauchte eine Weile, geschah
es. Ein Geruch nach verschmortem Gummi lenkte meinen Blick wieder auf Karl. Sollte
sein Ende gekommen sein? Eine Vorahnung, die ich zu gerne immer wieder
verdrängte. Das vier Sterne Tiefkühlfach produzierte schon seit einigen Jahren
viel Eis. Eine dicke Schicht ummantelte das Fach, dessen Tür sich nicht mehr
schließen ließ. Als Karl vor einigen Tagen anfing zu weinen und Tropfen für
Tropfen sein Inneres füllte, interpretierte ich dies als seinen Beitrag um an
das Schmelzen der Pole zu ermahnen. Nun lief ein Rinnsal vom Kühlschrank in
meine Richtung. Stumm, das Ipad im Anschlag, fotografierte ich Karls
Innenleben, schloss die Tür und nahm sein Äußeres auf, dann harrte ich dessen
was kommen wollte. Der Geruch wurde intensiver, eine Schmauchspur entwich aus
Karls Herz und mit einem Knall sprang die Sicherung im Flur heraus. Selbst im
Todeskampf dachte Karl noch an mein Wohlbefinden und unterließ es einen Schwelbrand
zu verursachen.
Dort wo Karl
stand, steht jetzt der Neue. Tripple A prangt an seiner Tür, die so kalt und
unpersönlich in einem leicht grauem Weiß meine Augen blendet. Die Hand traute
sich kaum die Tür zu öffnen. Nach einer Weile des Zögerns und Wartens auf ein
Zeichen, das aber nicht eintraf, was nicht verwunderte, denn auf der Tür,
unterhalb des Tripple A, informiert ein 32 Dezibel über den zu erwartenden
Geräuschpegel. Mein Gefühl will nicht warm werden mit dem Neuen, ich wende
einen Trick an und suche nach einen Namen, der eine Vertrautheit verspricht,
aber nur "Karotron" bleibt im Gedächtnis haften. Der Name bringt
keine Annäherung, denn er lässt ihn kalt. Ein energieeffizienter, leiser
Kühlschrank hat es nicht nötig mit seinem Benutzer zu kommunizieren, vielleicht
versteht er nur Chinesisch. Egal weshalb er nicht spricht, ich habe sein
Schweigen zu akzeptieren, schließlich gehört er nicht zur Klasse der Hightech -
Geräte, die via Internet den Verbrauch der Lebensmittel ans Handy senden.
Trotzdem, ein Kühlschrank hat andere Möglichkeiten um mit seinem Benutzer zu
kommunizieren. Karl war darin ein Meister seiner Klasse. Die Männer, die Karotron in meine Küche
trugen, nahmen Karl wie verabredet mit. "Wo bringen sie ihn hin?" "Wird entsorgt." Der kleinere
Mann von der Firma, die den Neuen an Karls Stelle schoben, ergänzte die knappe Antwort seines
Kollegen "Junge Frau, machen sie sich mal keine Sorgen, der wird hier nicht die Umwelt verseuchen.
Solche Geräte werden in großen Containern nach Afrika verschifft." Ich schaute den kleinen Mann
intensiv an, sein Gesicht hatte große Ähnlichkeit mit einem Beagle. "Alter Mann wollen sie mich
verarschen. Ich bin mindestens zehn Jahre älter als sie." Sein Gesichtsausdruck wechselte hin zu einer
Bulldocke, rot anlaufend: "Tschuldigung, müssen ja nicht gleich so ausfallend werden, wollte doch
nur nett sein." Mein nächster Gedanke spielte mit der Möglichkeit Karl nicht seinem Schicksal zu
überlassen, darauf protestierte der Verstand und verwarf aus Platzgründen dieses Ansinnen. So sah
ich tatenlos zu wie die Männer Karl aus der Wohnung trugen, ein Spur hinter sich lassend, denn Karl
blutete aus während er brutal auf den Lastwagen gehievt wurde, Endstation Afrika. Die größte Müllhalde für Elektroschrott liegt in Westafrika, in der Hauptstadt von Ghana. "Toxic City" wird der Stadtteil genannt, einer der giftigsten Orte der Welt. Brennende Elektrogeräte, Kühlschränke, Fernseher, Computer, vielleicht auch Ipads?. All die Menschen die dort arbeiten, die über kurz oder lang dem Tod geweiht sind, werden auf Karl einschlagen, zerhacken ihn in seine Einzelteile, verbrennen seine Reste. Oh Gott, Karl, es tut mir so leid, eine saubere Entsorgung wird dir nicht vergönnt sein. Erinnerst du dich an unsere erste Begegnung, an den Beginn unserer wunderbaren
Freundschaft, die im Elektroladen um die Ecke begann. Dort sah ich dich, dein Name lag mir sofort
auf der Zunge. "Gute deutsche Wertarbeit", sagte der Geschäftsinhaber. Herr Schmidt und sein Sohn
trugen dich in die Küche und bei einem gemütlichen Plausch am Küchentisch besiegelten wir das Geschäft mit einem Schnäpschen. Schmidt & Sohn existieren schon lange nicht mehr, nach einer Videothek bevölkern heute kleine Kids den zum Kindergarten umgebauten Laden.
kommunizieren. Karl war darin ein Meister seiner Klasse. Die Männer, die Karotron in meine Küche
trugen, nahmen Karl wie verabredet mit. "Wo bringen sie ihn hin?" "Wird entsorgt." Der kleinere
Mann von der Firma, die den Neuen an Karls Stelle schoben, ergänzte die knappe Antwort seines
Kollegen "Junge Frau, machen sie sich mal keine Sorgen, der wird hier nicht die Umwelt verseuchen.
Solche Geräte werden in großen Containern nach Afrika verschifft." Ich schaute den kleinen Mann
intensiv an, sein Gesicht hatte große Ähnlichkeit mit einem Beagle. "Alter Mann wollen sie mich
verarschen. Ich bin mindestens zehn Jahre älter als sie." Sein Gesichtsausdruck wechselte hin zu einer
Bulldocke, rot anlaufend: "Tschuldigung, müssen ja nicht gleich so ausfallend werden, wollte doch
nur nett sein." Mein nächster Gedanke spielte mit der Möglichkeit Karl nicht seinem Schicksal zu
überlassen, darauf protestierte der Verstand und verwarf aus Platzgründen dieses Ansinnen. So sah
ich tatenlos zu wie die Männer Karl aus der Wohnung trugen, ein Spur hinter sich lassend, denn Karl
blutete aus während er brutal auf den Lastwagen gehievt wurde, Endstation Afrika. Die größte Müllhalde für Elektroschrott liegt in Westafrika, in der Hauptstadt von Ghana. "Toxic City" wird der Stadtteil genannt, einer der giftigsten Orte der Welt. Brennende Elektrogeräte, Kühlschränke, Fernseher, Computer, vielleicht auch Ipads?. All die Menschen die dort arbeiten, die über kurz oder lang dem Tod geweiht sind, werden auf Karl einschlagen, zerhacken ihn in seine Einzelteile, verbrennen seine Reste. Oh Gott, Karl, es tut mir so leid, eine saubere Entsorgung wird dir nicht vergönnt sein. Erinnerst du dich an unsere erste Begegnung, an den Beginn unserer wunderbaren
Freundschaft, die im Elektroladen um die Ecke begann. Dort sah ich dich, dein Name lag mir sofort
auf der Zunge. "Gute deutsche Wertarbeit", sagte der Geschäftsinhaber. Herr Schmidt und sein Sohn
trugen dich in die Küche und bei einem gemütlichen Plausch am Küchentisch besiegelten wir das Geschäft mit einem Schnäpschen. Schmidt & Sohn existieren schon lange nicht mehr, nach einer Videothek bevölkern heute kleine Kids den zum Kindergarten umgebauten Laden.
Es kostet
viel Überwindung Karotrons Tür zu öffnen. Die Ausstattung prahlt im grellen
Scheinwerferlicht mit einer strahlenden Leere, die jegliche Art der Lagerung
von Lebensmittel verbietet. Auf dem Küchentisch stehen all die leckeren Sachen
die nach Kühlung schreien. Ich kann nicht, unmöglich, wie fordernd sie mich
auch anschauen, ich verwehre ihnen den Zugang zum Neuen, dem Karotron., das bin
ich Karl schuldig.
Das Leben
verlangt nach Veränderungen, neue Kühlschränke läuten eine FCKW freie Zeit ein.
Der Verstand darf sich nicht dagegen stemmen muss loslassen können, muss die
gute alte Zeit endlich der Vergangenheit überlassen. Ach, wie vermisse ich
Karls wohliges Brummen, wenn er randvoll gefüllt war. Leerte sich der Inhalt
dann klingelte er sanft. Begannen die Lebensmittel zu altern, dann versuchte er
durch ein lautes Poltern, ähnlich einem Hopser, die Kühlung zu steuern. Karl
liebte die Lebensmittel so sehr, dass er sie für immer halten wollte. Das Licht
der Lampe erlosch eines Tages, selbst eine neue Glühlampe konnte die dämmerige
Helligkeit nicht zurückbringen. Karl alterte mit
den Dingen, die in der Dunkelheit seiner Etagen lagen. Und dann, sein unverwechselbarer Geruch, der entfernt an Mottenpulver erinnerte. Nun wird er in Toxic City drangsaliert, zerstückelt, verbrannt. Schluss mit dem Trübsal, das Zauberwort heißt Neuanfang. Ein Wort, das im Trend liegt, überall spricht man vom Neuanfang, selbst in der Politik ist es ein sehr beliebtes Wort, der Neuanfang.
den Dingen, die in der Dunkelheit seiner Etagen lagen. Und dann, sein unverwechselbarer Geruch, der entfernt an Mottenpulver erinnerte. Nun wird er in Toxic City drangsaliert, zerstückelt, verbrannt. Schluss mit dem Trübsal, das Zauberwort heißt Neuanfang. Ein Wort, das im Trend liegt, überall spricht man vom Neuanfang, selbst in der Politik ist es ein sehr beliebtes Wort, der Neuanfang.
Wo kaufe ich einen neuen Kühlschrank ? "Heute
ist der Neukauf eines Gerätes kein Problem mehr", sagte meine Tochter, "das
Internet macht es möglich, einfach bequem von zuhause bestellen und alles geht
seinen Gang". Dem wollte ich nicht widersprechen, aber die Bestellung
kostete Überwindung, denn die Vorstellungskraft haderte mit zweidimensional
Abbildungen, die keine persönliche Beziehung zum Gerät aufkommen lassen. Das
gute Gefühl, den richtigen zu finden, stellte sich nicht ein, verstehe auch die
unzähligen Partnerbörsen nicht, die im Netz um Kundschaft buhlen, zweidimensionale
Männer signalisieren nur eine eindimensionale Identität.
Karl war
gestern, heute will der stumme Karotron mit all den herrlich, leckeren Dingen
gefüllt werden. Karotrons Verfallsdatum wird eher kommen als mir lieb sein
wird, das ist sicher, gilt für alle technischen Geräte, aber das Internet
wird, mindestens bis zu meinem Ende, nicht so schnell das Zeitliche segnen.
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